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ZSI_Stimmen: Eine nachhaltige Zukunft – Beteiligungsformate für neue Visionen

15. Apr 2015

Im Gespräch mit Maria Schwarz-Wölzl, Bereich Technik & Wissen (T&W), und Josef Hochgerner, strategischer Berater des ZSI

In einer stark fragmentierten Welt, geprägt durch wachsende Herausforderungen bei der Existenzsicherung, fällt es vielen schwer, sich zurechtzufinden. Können BürgerInnen von partizipativen Verfahren und Formaten, wie zum Beispiel BürgerInnenkonferenzen, auch überfordert werden?

Maria Schwarz-Wölzl: Beteiligung und Empowerment von BürgerInnen können Informationsdefizite abbauen und dazu beitragen, Komplexität zu reduzieren. Dies geschieht durch die Verschränkung der Perspektiven von ExpertInnen und Laien. Das ZSI setzt 2015 die CASI Zukunftskonferenz in Österreich um, die ein gutes Beispiel für diesen Zugang darstellt. Die BürgerInnenkonferenzen des CASI Projekts – vergleichbare Konferenzen werden in elf weiteren EU-Ländern organisiert – beruhen auf der Überzeugung, dass die Erarbeitung von relevanten und innovativen Forschungszielsetzungen erheblich verbessert werden kann, wenn die Ideen, Wünsche und Vorschläge der Bevölkerung einbezogen werden. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass Laien ExpertInnen ihrer Lebenswelt sind und durch Beteiligung einen wesentlichen Beitrag zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen liefern können.
In der Politik sowie in Wissenschaft und Forschung ist die Erkenntnis im Laufe der letzten Jahrzehnte gewachsen, dass in einer individualisierten, arbeitsteiligen, sich immer stärker ausdifferenzierenden Wissensgesellschaft die Interessenvertretung durch gewählte VertreterInnen nicht mehr ausreicht, um BürgerInnen an Entscheidungs- und Problemlösungsprozessen angemessen zu beteiligen. Durch die Polyperspektive wird ein wesentlicher Beitrag zur Erweiterung der Problemwahrnehmung seitens PolitikerInnen und WissenschafterInnen gleichermaßen erwartet.

In den Debatten taucht gelegentlich das Stichwort der „verordneten Partizipation“ auf, ist diese real?

Josef Hochgerner: Die Gefahr „verordneter Partizipation“ begleitet jedes Beteiligungsverfahren bis zu einem gewissen Grad und lässt sich an verschiedenen Problematiken festmachen. Ein Stolperstein ist der unterschiedliche Wissensstand von ExpertInnen und TeilnehmerInnen mit Alltagswissen zum bearbeiteten Thema, der die Ergebnisse solcher Prozesse infrage stellen kann. Interaktive Zugänge und Formen von partizipativem Lernen, mit oder ohne technologische Hilfsmittel, wirken in Beteiligungen zwischen ExpertInnen und BürgerInnen ausgleichend. Sie fördern eine notwendige Schnittmenge, die eine informierte Entscheidung innerhalb einer Experten-Laien-Kommunikation ermöglicht. Das ist essenziell vor dem Hintergrund, dass sich zumeist die besten Argumente durchsetzen, und diese kommen nicht unbedingt von Laien. Wenn man TeilnehmerInnen mit unterschiedlichem Bildungshintergrund und diverser Lebenswelt auffordert, sich zum Beispiel mit komplexen Themen wie Klimawandel oder Energieeinsparung zu beschäftigen, starten diese unweigerlich von einem unterschiedlichen Wissensstand aus.
Dazu ein Beispiel aus unserer Praxis: Das ZSI entwickelte und realisierte bereits in den Jahren 2007 und 2009 drei Konferenzen mit Bürgerbeteiligung um. Bei der Konferenz Ressourcen Risiko:dialog 2009 wurden alle Beteiligten in der ersten Phase mit Fragen konfrontiert, die vorab von ExpertInnen formuliert worden waren. Wir hatten in der Vorbereitungsphase rund zehn ExpertInnen zu den Themen Energieerzeugung, Verbrauch, Industrie und Wissenschaft versammelt, die unterschiedliche Sichtweisen und Meinungen einbrachten. Zuvor waren rund 35 BürgerInnen per Telefonscreening nach einem Quotensystem ausgesucht worden mit dem Ziel, die Bevölkerung möglichst in ihrer Diversität abzubilden. Dann folgte an zwei Wochenenden eine Art Pingpong von Fragen und Antworten, bei dem eine Selektion und Umstrukturierung von ExpertInnenwissen im Hinblick auf die Laienperspektive stattfand. Das gelingt vor allem über neue Formulierungen und eine sorgsame Auswahl von Beispielen und Bildern, die gute Bezüge zum Alltagsverständnis von Laien herstellen.

Was war der Anreiz für ExpertInnen und Laien, an diesen Veranstaltungen teilzunehmen?

J. H.: Es war vor allem zweierlei, nämlich das Interesse am Thema und die Wochenenden in Wien – letztere waren für jene reizvoll, die aus den Bundesländern kamen. Der Kostenersatz wurde damals vom Auftraggeber, dem österreichischen Umweltbundesamt, zur Verfügung gestellt. Ein weiterer Anreiz war das für Laien und ExpertInnen gleichermaßen attraktive „Voneinanderlernen“. Die Ergebnisse der Wochenenden wurden für das Umweltbundesamt aufbereitet und den Landesräten für Umweltfragen in den Bundesländern vorgestellt.
Die Erfahrungen aus diesem erfolgreichen Projekt zeigen auch die Grenzen von Bürgerbeteiligungsverfahren. Mit bestem Willen und großem Aufwand kann ein guter Prozess gestartet und begleitet werden. Die Ergebnisse des Ressourcen Risiko:dialogs lieferten Impulse für die inhaltliche Arbeit des Umweltbundesamts. Letztlich bleibt dieser finale Schritt in den meisten Fällen aber freiwillig.

Fragen zum Wert von Partizipation oder partizipativen Ansätzen für Wissenschaft und Forschung sind nicht neu: Seit etwa Ende der 1960er-Jahre Diskurse zum „Participatory Turn“ Leitgedanken für Beteiligung und Polylog schufen, beschäftigen sich geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer mit diesem Zugang. Vor allem ab der Jahrtausendwende beklagten medienkritische Analysen öffentlichkeitswirksam den inflationären Gebrauch der Begriffe Partizipation und Netzwerk. In noch jüngeren Diskussionen werden auch Befürchtungen über die kommerzielle Ausnutzung von Schwarmintelligenz und die Gefahren im Hinblick auf die Instrumentalisierung von Partizipation lauter. Gleichzeitig wird eine stärkere Hinwendung zu partizipativen Ansätzen auf unterschiedlichen Ebenen im institutionalisierten europäischen Forschungsalltag und in den Förderprogrammen sichtbar. Welche Entwicklungen nehmen Sie wahr?

J. H.: Ich bin mir nicht sicher, ob man in der Zeit nicht weiter zurückgehen müsste. Wenn Kommunen etwas selbst entscheiden, dann ist das Partizipation und nimmt bestimmte politische Formen an. Dass dieses Prinzip auch in den Forschungsrahmenprogrammen der Europäischen Union auftaucht, hat mit der Notwendigkeit zu tun, Entscheidungen durch einen möglichst breiten Konsens abzustützen.
Persönlich kam ich mit dem Thema Partizipation erstmals über sogenannte Planungszellen im Kontext von Raumplanungsverfahren und später über das Format Zukunftswerkstatt in Berührung. In der Hauptsache ging es in den 1970ern und im darauffolgenden Jahrzehnt darum, Formen für Beteiligung zu erkämpfen und abzusichern. Man darf nicht vergessen, dass diese Jahrzehnte noch sehr stark von einer ExpertInnen- und Wissenschaftsgläubigkeit geprägt waren.
Der Physiker und Zukunftsforscher Robert Jungk, einer der Begründer der Zukunftswerkstatt, schrieb 1956 im Buch „Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher“ über die Möglichkeiten der Kernenergie. Jungk war einer jener ExpertInnen, die sozusagen die Seite wechselten. Als Antwort auf die Expertokratie erwuchs die Forderung nach Mitsprache, an der auch die damalige StudentInnenbewegung maßgeblich beteiligt war.
Was die Aktualität des Themas Beteiligung in der EU betrifft, bleibt ein wesentlicher Ausgangspunkt, dass das Projekt Europa extrem komplex ist. In den Forschungsrahmenprogrammen wie aktuell Horizon 2020 wird Beteiligung insofern sichtbar, als man Transdisziplinarität forciert und User verstärkt eingebunden werden sollen. Das hat seine Wurzeln in Konzepten der Technikfolgenabschätzung, die ebenfalls in den 1970er-Jahren entwickelt wurden.
In der Gegenwart kommen verschiedene Strömungen zusammen. Im Vordergrund steht letztlich die Notwendigkeit der Legitimation, wofür öffentliches Geld ausgegeben wird, also die Legitimation für Verfahren und eine Absicherung im Hinblick auf Projektfolgen. Dahinter steht einerseits die Einsicht, dass man nicht alles top-down entscheiden kann, anderseits dass Entscheidungen getroffen werden müssen.
In Bezug auf Wissenschaft & Forschung berühren solche Fragen die Erkenntnislehre und die Annahme der sozialen Konstruiertheit von Forschungsergebnissen. Das Verständnis, dass Wissenschaft und Forschung soziale Prozesse sind, ist spürbar gewachsen und hat in den vergangenen 30 bis 40 Jahren eine Veränderung in der offiziellen Wahrnehmung bewirkt. Letztlich bleibt die Frage, wie man diese sozialen Prozesse prozedural einsetzen kann. In der Entwicklungspraxis von Forschungsförderungsprogrammen werden verschiedene Modi ausprobiert, wie man breitere Teile der Bevölkerung beteiligen kann.

M. S.-W.: Politik und BürgerInnen benötigen gleichermaßen neue Formen des dialogischen Diskurses zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Besonders attraktiv wurde der Ansatz nach der Erweiterung der Europäischen Union 2004, als sich die Frage stellte, wie es gelingen kann, BürgerInnen mit unterschiedlichen Lebensstandards und Vorstellungen in Richtung einer zukunftsfähigen Wissensgesellschaft unter ein gemeinsames europäisches Dach zu bringen.
Ein anderer Aspekt ist das Potenzial der vielen im Hinblick auf den Innovationswettbewerb. Ich möchte hierzu Beispiele aus aktuellen ZSI-Projekten nennen, die die Aktualität verdeutlichen: Das „White Paper on Citizen Science in Europe“ wurde im Rahmen des Projekts Socientize Ende letzten Jahres veröffentlicht. Das ZSI war Teil des europäischen Projektkonsortiums, das für die Empfehlungen an die Europäische Kommission verantwortlich zeichnet.
Fragen zur Mitwirkung von Öffentlichkeit (Public Engagement) sind auch im Querschnittsthema „Verantwortungsbewusste Forschung und Innovation“ (Responsible Research Innovation, RRI) enthalten. RRI Tools, ebenfalls ein Projekt mit ZSI-Mitwirkung, widmet sich der Schaffung von 19 RRI Zentren für die 30 Länder des Europäischen Forschungsraums und will unter anderem die Verantwortung aller Interessengruppen für den Forschungs- und Innovationsprozess erhöhen. Um ein polyperspektivisches Ergebnis zu erhalten, werden Akteure aus der gesamten Innovationswertschöpfungskette, einschließlich Wissenschaft, Industrie, Bildung und Zivilgesellschaft, angesprochen.

Beide Begriffe, „Public Engagement“ und Partizipation, werden in der Literatur mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen und in unterschiedlichen Kontexten genutzt. Das funktionale Verständnis reicht von Informieren, Einbeziehen, Beteiligen, Mitwirken bis Mitbestimmen. Wo liegen die Schwerpunkte?

M. S.-W.: Die Bandbreite partizipativer Verfahrenstypen ist groß und variiert mit der Beteiligungsintensität. Eine besondere Bedeutung kommt meiner Meinung nach Verfahren zu, die interessierten BürgerInnen ermöglichen, sich in die Mitgestaltung (Co-Design) von forschungs-, technologie- und innovationsbasierten Herausforderungen und den entsprechenden politischen Prozessen einzubringen. Dazu gehören Formate wie Citizen-Science-Projekte und Konsensus- wie auch Zukunftskonferenzen, die rahmensetzend und/oder explorativ angelegt sein können.

Das ZSI arbeitet an unterschiedlichen Projekten, die sich theoretisch und praktisch mit Formen von Partizipation für Wissenschaft und Forschung beschäftigen oder auf Beteiligungsansätze bei der Umsetzung zurückgreifen. Das Projekt CASI lädt im April und Oktober 2015 zu einer BürgerInnenkonferenz ein. In welchen Kontext ist die Maßnahme eingebettet, und welche Ziele verfolgt sie?
M. S.-W.: Bei diesem Projekt geht es um die Visionsentwicklung einer nachhaltigen Zukunft. Im Zentrum steht der zukünftige Zustand der Umwelt im Hinblick auf Klimaschutzmaßnahmen, Umwelt, Ressourceneffizienz und Rohstoffe. Ein übergeordnetes Ziel von CASI ist die Entwicklung eines methodologischen Rahmens für die Bewertung von nachhaltigen Innovationen und das Management multidisziplinärer Lösungen unter Einbindung der Öffentlichkeit in das Forschungs-, Technologie-, Entwicklungs- und Innovationssystem. Die zweite Frage möchte ich mit einem Gedanken von James J. Mapes, Foresight First, beantworten: „Eine Vision ist wie ein Leuchtturm, der eher den Weg weist als Grenzen aufzeigt, der eher eine Richtung vorgibt und nicht unbedingt ein Ziel.“ Die Visionen unserer TeilnehmerInnen helfen uns, die Richtung und die nächsten Schritte in den befassten Arbeitsgremien zu finden.

 

Ausblick und Rückblick auf Projekte des ZSI im Kontext Bürgerbeteiligung
2015 CASI Bürgerinnenkonferenz
CASI (Public Participation in Developing a Common Framework for Assessment and Management of Sustainable Innovation) ist ein von der Europäischen Kommission im 7. Forschungsrahmenprogramm gefördertes europäisches Verbundprojekt.  CASI bearbeitet Fragen zu einer nachhaltigen Zukunft, Umweltverträglichkeit und zur wirtschaftlichen sowie sozialen Nachhaltigkeit. In Wien findet eine BürgerInnenkonferenz am 18. und 19. April 2015 mit einem Nachfolgetermin im Oktober statt, die vom Zentrum für Soziale Innovation GmbH organisiert wird.
http://www.casi2020.eu/

2009 Ressourcen im Risiko:dialog – BürgerInnenkonferenz zum Thema Risiko Energiegesellschaft
http://www.zsi.at/de/object/project/891

2009 Europäische Bürgerkonferenzen im Vorfeld der Europawahlen
http://www.zsi.at/de/object/news/409

2007 Europäische Bürgerkonferenzen
http://www.zsi.at/de/object/news/208
 

Über die ExpertInnen

Mag.a Maria Schwarz-Wölzl studierte Soziologie an der Universität Wien und arbeitet seit 1998 als Sozialwissenschafterin am Zentrum für Soziale Innovation GmbH. Ihre Projekte fokussieren auf Diversität und die alternde Gesellschaft. Aktuell zeichnet sie für CASI als Projektleiterin des ZSI verantwortlich.

Prof. Dr. Josef Hochgerner ist Gründer (1990) und wissenschaftlicher Advisor des ZSI – Zentrum für Soziale Innovation GmbH in Wien. Die Lehrtätigkeit des Soziologen umfasst  u.a. eine Professor an der Universität Wien und der Donau-Universität Krems, wo er seit 2013 den postgradualen Studiengang Master of Arts in Social Innovation wissenschaftlich leitet. Jo Hochgerner ist Pionier und international anerkannter Experte für Forschung und Entwicklung sozialer Innovationen. Seit 2012 leitet er als Präsident die European School of Social Innovation.

Pamela Bartar, ZSI, führte das Gespräch mit den beiden ExpertInnen Anfang April 2015.

 

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Tags: climate change, energy, participation, social innovation, sustainability

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