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Im Portrait: ZSI-Forscherin Judith Feichtinger

16. Nov 2020

Bioökonomie kommunizieren: vieles geht ohne Erdöl!

Das von der Europäischen Kommission unter „Horizon 2020“ finanzierte Projekt „BLOOM“ versucht Bioökonomie und damit verbundene Konzepte für europäische Bürgerinnen und Bürger verständlich zu machen. Das Projekt wird am ZSI von Judith Feichtinger gemeinsam mit Juliet Tschank und Maria Schrammel koordiniert und inkludiert Universitäten, Wissenschaftskommunikationsexperten und NGOs aus verschiedenen europäischen Ländern. Judith Feichtinger hat mit uns folgendes Interview über das Projekt und seinen Mehrwert geführt:

Frau Feichtinger, worum geht es in BLOOM?

Das Projekt BLOOM zielt in erster Linie darauf ab das Bewusstsein und Wissen zu Bioökonomie in Europa zu stärken. So wurden in fünf Regionen Europas Akteure und Akteurinnen aus Wirtschaft, Forschung, Verwaltung und Zivilgesellschaft in sogenannten BLOOM Hubs zusammengeführt, um Potenziale der Bioökonomie für ihre Regionen zu diskutieren und gemeinsam Aktivitäten und Materialien zur Verbreitung von Bioökonomie zu entwickeln. Dabei werden selbstverständlich regionale Voraussetzungen und durchaus auch widersprüchliche Perspektiven berücksichtigt. Diese gemeinsam erarbeiteten Aktivitäten werden in den Regionen auch umgesetzt und evaluiert. Gleichzeitig wurde das sogenannte „BLOOM school network“ aufgebaut; in dem LehrerInnen der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik aus zehn verschiedenen Ländern gemeinsam Unterrichtsmaterialien zur Bioökonomie für verschiedene Schulstufen erarbeiteten, testeten, verbesserten und danach in den Unterricht gebracht haben. Zur Unterstützung gab es LehrerInnenfortbildung, einen MOOCs und auch zwei Preisausschreiben.

Was findest Du dabei besonders spannend?

Erstens ist Bioökonomie spannend, weil sie so vielfältig ist bzw. so viele Bereiche berührt – von Landwirtschaft zur Erfindung neuer chemischer Verfahren bis hin zur Produktentwicklung. Zweitens, und das ist essentiell, kann Bioökonomie einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Biobasierte Produkte werden aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Diese Biomasse kann fossile Ressourcen ersetzen und damit den CO2-Ausstoß reduzieren. Natürlich ist es bei der Verwendung von Biomasse als Ressource wichtig, effiziente Produktionsprozesse anzuwenden. Drittens befinden wir uns mit dem Thema mitten in Innovationsprozessen, in denen Forschung und unternehmerische Entdeckungsprozesse stattfinden und initiiert werden, die letztendlich zu neuen Kooperationen und Verwertungspfaden führen können. Die Ergebnisse dieser Innovationsprozesse haben das Potential bestehende Pfadabhängigkeiten abzuändern und in Richtung Dekarbonisierung zu lenken. Persönlich interessiert mich auch die methodische Herangehensweise in dem Projekt, die zwei-oder mehrseitige Wissenschafts­kommunikation, die viele Akteursgruppen involviert, zu Austausch und Lernen führt und nicht linear abläuft. Da kann man sehr viel mitnehmen.

Wo gibt es einen speziellen Handlungsbedarf und wie wird der angegangen?

Wichtig ist es, eine nachhaltige und zirkuläre Bioökonomie zu verfolgen. Die zirkuläre Bioökonomie zielt darauf ab, Biomasse als Ressource einzusetzen, um die Verwendung fossiler Rohstoffe zu vermeiden und zusätzlich die Ressourceneffizienz zu verbessern sowie den Einsatz von recycelten Materialien zu erhöhen. Nachhaltigkeit muss als Handlungsprinzip natürlich auch die Bioökonomie völlig umfassen.   Der Großteil der europäischen Forschung in der Bioökonomie konzentriert sich auf die Entwicklung von Produktionsprozessen, die hinsichtlich Rohstoff- und Energieverbrauch so effizient wie möglich sind. Einige der neuen Biokunststoffe, z. B. PLA, sind sehr effizient bei der Verwendung von Rohstoffen. Wichtig ist auch die Konzentration auf Biomasse der sogenannten 2. Generation. Diese umfasst z.B. ungenießbare Nebenströme von Kulturpflanzen wie Stängel und Stiele. Insgesamt sollten Energieanwendungen aus Biomasse weniger bevorzugt werden, da der Energiebedarf auch durch andere erneuerbare Quellen wie Wind- oder Sonnenenergie gedeckt werden könnte. Biomasse sollte eher dort eingesetzt werden, wo die Kohlenstoffatome der Biomasse auch wirklich benötigt werden, z.B. für Baumaterialien, Verpackungsmaterialien und Textilien.

Worin zeigt sich der europäische Mehrwert?

Außerhalb Europas wurden bereits Investitionen in relativ große Produktionsanlagen in der Nähe von Standorten, an denen Biomasse in großem Maßstab verfügbar ist, getätigt. Innerhalb Europas ist die Verfügbarkeit von Biomasse häufig geringer, was auf die vergleichsweise kleinräumige Kulturlandschaft in Europa zurückzuführen ist. Die europäische Wachstumsstrategie konzentriert sich auf regionale Innovation durch intelligente Spezialisierung. Dabei werden neue Wertschöpfungsketten zwischen Biomasseproduzenten und Verwertung in lokalen Industrien entwickelt. Es ist wichtig, die komparativen Vorteile innerhalb der Regionen zu entdecken, mögliche Valorisierungsrouten zu erkunden und von Pilot- und Demo-Einrichtungen zu lernen. Oft werden kleine Start-up-Unternehmen gegründet und durch regionale Förderprogramme aktiv unterstützt.

Wie steht Österreich in diesem Themenbereich?

Österreich steht eher am Anfang, was den Weg in eine nachhaltige, zirkuläre Bioökonomie betrifft. 2019 wurde von der Bundesregierung eine Bioökonomiestrategie beschlossen. Die Grundvoraussetzungen in Österreich für Bioökonmie sind aber ganz gut. Es gibt Bereiche der regionalen Wertschöpfung in denen Österreich im europäischen Vergleich sehr weit vorne liegt, darunter Textil-, Cellulose-, Bau- und Dämmstoff-, Papier- sowie Polysaccharid-Anwendungen. Darüber hinaus liegt Österreich bei den Sammel- und Recyclingquoten der Abfallwirtschaft im Spitzenfeld der EU und hat somit gute Grundlagen für die stoffliche und energetische Wiederverwertung. Aber wie auch in anderen europäischen Ländern muss Bioökonomie als Konzept mitsamt seinen Potentialen erst richtig Fuß fassen.

Wie bist Du zu dem Thema überhaupt gekommen? Gibt es dazu einen biographischen Anhaltspunkt?

Ich beschäftige mich seit vier Jahren mit dem Thema Bioökonomie aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive. Auch bei dem Projekt BLOOM, das in erster Linie auf Wissenschaftskommunikation abzielt, ist es relevant die politische Steuerung und Entscheidungsfindung zu verstehen. Ich habe in verschiedenen Umweltbereichen geforscht, in Nachhaltigkeitsprozessen, wie der Lokalen Agenda 21, in Gewässerpolitik, in Klimaschutz und Klimaanpassung. Bioökonomie überlappt sich mit vielen dieser Umweltbereiche.

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