Citizen Science über Partizipation hinaus
Citizen Science wird häufig als Möglichkeit gefeiert, Wissenschaft zu demokratisieren, indem Bürgerinnen und Bürger in Forschungsprozesse einbezogen werden. Partizipation kann jedoch viele Formen annehmen. In manchen Projekten tragen Bürgerinnen und Bürger Beobachtungen oder Daten bei, während Forschende die Kontrolle über Forschungsdesign, Analyse und Entscheidungsfindung behalten. In anderen Projekten übernehmen Teilnehmende eine wesentlich aktivere Rolle bei der Gestaltung von Forschungsfragen und der Interpretation von Ergebnissen.
Der Beitrag argumentiert, dass echte Offenheit mehr erfordert, als Bürgerinnen und Bürger lediglich zur Mitwirkung einzuladen. Sie verlangt die Auseinandersetzung mit Fragen von Macht, Repräsentation und der Frage, wessen Wissen als wertvoll anerkannt wird. Dies ist besonders relevant bei der Arbeit mit Kindern, die häufig eher als Lernende, denn als legitime Wissensproduzentinnen und Wissensproduzenten betrachtet werden.
Die Autorinnen greifen dabei das Konzept der epistemischen Gerechtigkeit auf, die Idee, dass unterschiedliche Wissensformen Anerkennung und Glaubwürdigkeit verdienen, um zu untersuchen, wie schulbasierte Citizen-Science-Projekte traditionelle Grenzen zwischen Expertinnen und Experten sowie Nicht-Expertinnen und Nicht-Experten infrage stellen können.
Das InChildHealth-Projekt: Schulen als Wissensräume
Die Studie basiert auf dem europäischen Forschungsprojekt InChildHealth, das die Innenraumluftqualität (Indoor Air Quality, IAQ) und deren Auswirkungen auf die Gesundheit von Kindern in sieben europäischen Städten untersucht: Athen, Barcelona, Colchester, Kopenhagen, Helsinki, Lissabon und Wien.
Anstatt ein einziges standardisiertes Partizipationsmodell umzusetzen, setzte das Projekt auf flexible Ansätze, die an die jeweiligen schulischen Kontexte angepasst wurden. Zu den Aktivitäten gehörten:
- Interaktive Lerneinheiten zur Innenraumluftqualität
- Begehungen von Klassenräumen und Umweltbewertungen
- Sensorbasierte Messungen und Bioaerosol-Probenahmen
- Workshops, in denen Schülerinnen und Schüler eigene Forschungsfragen entwickelten
- Aktivitäten zur Datenanalyse und Interpretation
- Gemeinsame Entwicklung von Maßnahmen zur Verbesserung der Innenraumluftqualität in Schulen
Wichtig ist, dass Citizen Science nicht als ergänzende Outreach-Aktivität verstanden wurde, sondern als integraler Bestandteil des Forschungsprozesses selbst.
Von Mitwirkenden zu Mitforschenden.
Eine der überzeugendsten Erkenntnisse, die in Valencia vorgestellt wurden, war, dass Partizipation auf einem Kontinuum stattfindet. Während einige Aktivitäten überwiegend beitragsorientiert blieben, ermöglichten andere den Schülerinnen und Schülern, zu aktiven Mitforschenden zu werden.
Die Autorinnen und Autoren identifizieren drei zentrale Dimensionen, durch die Koproduktion entstand.
1. Rollen und Beziehungen neu gestalten
Das Projekt stellte traditionelle Hierarchien im Bildungs- und Wissenschaftssystem infrage. Forschende passten ihre Methoden und Kommunikationsformen an, um junge Teilnehmende sinnvoll einzubeziehen. Lehrkräfte wurden zu Mitgestalterinnen und Mitgestaltern sowie Moderatorinnen und Moderatoren der Forschungsaktivitäten, anstatt lediglich Gastgeberrollen einzunehmen. Schülerinnen und Schüler übernahmen zunehmend aktive Rollen bei der Untersuchung von Fragestellungen, die ihr alltägliches Umfeld unmittelbar betreffen.
Diese Erfahrungen zeigen, dass sinnvolle Beteiligung nicht allein durch die Einladung zur Mitwirkung entsteht. Sie beruht vielmehr auf Vertrauen, Dialog und langfristigen Beziehungen.
2. Erfahrungswissen wertschätzen
Kinder brachten einzigartige Einblicke in die Bedingungen ihrer Klassenräume und täglichen Routinen ein. Ihre Beobachtungen zu Lüftungsgewohnheiten, Komfortempfinden und Unterrichtspraktiken ergänzten und bereicherten häufig die sensorbasierten Messdaten.
Die Ergebnisse verdeutlichen eine wichtige Erkenntnis für Citizen Science: Quantitative Daten allein können gelebte Wirklichkeiten nicht vollständig erfassen. Indem die Erfahrungen von Kindern als legitime und wertvolle Wissensformen anerkannt wurden, förderte das Projekt sowohl das Engagement als auch das Selbstvertrauen der Teilnehmenden.
3. Wissen mit Handeln verbinden
In mehreren Schulen führten die Forschungsaktivitäten zu Diskussionen über konkrete Verbesserungen der Innenraumluftqualität. Auch wenn die Schülerinnen und Schüler nicht direkt über infrastrukturelle Maßnahmen entscheiden konnten, wurden sie zu Fürsprecherinnen und Fürsprechern für Veränderungen und beteiligten sich an Gesprächen über gesündere Lernumgebungen.
Lehrkräfte berichteten von einem gestiegenen Bewusstsein für Fragen der Innenraumluftqualität sowie von einer größeren Bereitschaft, diese Themen innerhalb ihrer Schulen anzugehen. Dies zeigt, dass Citizen Science nicht nur zur Wissensgenerierung beitragen kann, sondern auch institutionelles Lernen und Verhaltensänderungen fördern kann.
Die Grenzen der Partizipation
Während die Präsentation viele positive Ergebnisse hervorhob, bot sie zugleich eine kritische Reflexion über die Herausforderungen partizipativer Wissenschaft.
Schulen arbeiten unter erheblichen Rahmenbedingungen, darunter Zeitmangel, curriculare Vorgaben, administrative Belastungen und regulatorische Anforderungen. Ethische Verfahren, Einwilligungsprozesse und Datenschutzbestimmungen sind zwar essenziell, können jedoch zusätzliche Hürden für die Beteiligung schaffen.
Die Forschenden identifizierten außerdem die Evaluation als eine zentrale Herausforderung. Traditionelle Bewertungsrahmen in der Forschung priorisieren messbare Ergebnisse und Leistungsindikatoren. Viele der wertvollsten Effekte von Koproduktion – etwa Empowerment, Vertrauensbildung, gemeinsames Lernen und veränderte Beziehungen – lassen sich jedoch nur schwer quantifizieren.
Dies wirft grundsätzliche Fragen darüber auf, wie Wissenschafts- und Innovationssysteme Erfolg bewerten und ob bestehende Evaluierungsrahmen den Wert partizipativer Ansätze angemessen erfassen.
Governance ist entscheidend
Ein besonders wichtiger Beitrag des Papers liegt in seinem Fokus auf Governance-Fragen.
Die Erfahrungen aus InChildHealth legen nahe, dass selbst erfolgreiche partizipative Projekte häufig zeitlich begrenzte Experimentierräume bleiben. Damit solche Praktiken über die Laufzeit einzelner Projekte hinaus Bestand haben, benötigen sie Unterstützung durch Bildungseinrichtungen, Förderorganisationen und politische Rahmenbedingungen.
Ohne eine entsprechende strukturelle Verankerung besteht die Gefahr, dass Citizen Science episodisch bleibt, anstatt transformative Wirkung zu entfalten.
Die Autorinnen und Autoren fordern daher mehr Aufmerksamkeit für die institutionellen Bedingungen, die langfristige Koproduktion ermöglichen. Offenheit müsse von unterstützenden Governance-Strukturen begleitet werden, wenn partizipative Wissenschaft ihre demokratischen Ansprüche verwirklichen soll.
Wissenschaftliche Zukunft neu denken
Die Präsentation knüpfte unmittelbar an das Leitthema der EU-SPRI-Konferenz 2026 an: die Beiträge von Wissenschaft und Innovation zur Gesellschaft kritisch zu hinterfragen.
Anstatt Bürgerinnen und Bürger als passive Empfänger wissenschaftlichen Wissens zu betrachten, zeigt das InChildHealth-Projekt das Potenzial stärker kollaborativer und beziehungsorientierter Forschungsansätze. Gleichzeitig erinnert es daran, dass Partizipation allein noch keine Inklusion, Selbstermächtigung oder Gerechtigkeit garantiert.
Der Weg von der Mitwirkung zur Koproduktion erfordert eine sorgfältige Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen, institutionellen Rahmenbedingungen und der Anerkennung vielfältiger Wissensformen. Während Wissenschafts- und Innovationssysteme nach größerer gesellschaftlicher Relevanz und Legitimität streben, werden diese Fragen entscheidend dafür sein, demokratischere und gerechtere Zukünfte der Forschung zu gestalten.
Die Diskussion in Valencia machte eines deutlich: Wissenschaft zu öffnen bedeutet nicht nur, Zugang zu ermöglichen. Es bedeutet, die Beziehungen zwischen Wissen, Institutionen und Gesellschaft grundlegend zu verändern.